Das Freifach «Chinesisch» soll mehr sein als ein Sprachkurs. In einer globalisierten Welt soll es eine aussereuropäische Perspektive auf die Welt ermöglichen.
名可名
非常名
míng kě míng, fēi cháng míng
(Name/Wort können Name/benennen, nicht ewig Name/Wort)
Ein Name, der genannt werden kann, ist kein ewiger Name.
Text und Fotos Niklaus Schefer
Die Zeichen der zweiten Zeile des Daodejing 道德经, des klassischen Werks des Daoismus, zeigt die Fremdheit, aber auch die Einfachheit der chinesischen Sprache. Die Schriftzeichen (jedes hat eine/mehrere Bedeutung(en) und steht für eine Silbe) mögen zwar kompliziert erscheinen, veranschaulichen aber auch, dass die Grammatik höchst einfach ist: Es gibt keine Deklination, keine Konjugation. Es gibt keine unregelmässigen Verben. Zudem wird die Flexibilität der Sprache deutlich. Das gleiche Zeichen kann mal ein Verb, ein Substantiv oder ein Adjektiv sein, je nach Kontext und Stellung im Satz. Konkret: 名 (ming) steht für: Name, benennen, bekannt/berühmt (namhaft).
Das sind interessante Einblicke, die das Freifach Chinesisch bietet, das seit 2007, also seit 15 Jahren, an unserer Schule angeboten wird. Dieses kleine Jubiläum ist Anlass, das Freifach genauer vorzustellen. Allerdings sollte die exakte Bezeichnung Fakultativfach «Chinesische Kultur und Sprache» lauten. Denn Sinn und Zweck des Kurses ist es, ein Türöffner für diese fremde Kultur zu sein. Die Sprache und logografische Schrift (mit pikto-, aber auch ideografischen Elementen) gehören natürlich dazu, ebenso, wie diese Zeichen auf dem Computer geschrieben werden können.
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Doch ein Unterricht, allein auf die Sprache fokussiert, wäre für die Schüler:innen sehr aufwändig, weil es praktisch keine Anknüpfungspunkte in den uns vertrauten indoeuropäischen Sprachen gibt. Aber auch realistische Anwendungs- und Übungsmöglichkeiten im Alltag sind nicht einfach zu finden. Der Fokus auf die gesamte Kultur – Geschichte, Politik, Geografie (Regionen), Musik, Film, Philosophie und Religion, Kulinarik und Teekunst, Kalligrafie oder Landschaftsmalerei – ist deshalb bedeutsam, weil die Lernenden hier ein ganz anderes Weltbild kennenlernen und sich teilweise auch aneignen können. Dies macht den Unterschied zu einem z.B. fünfwöchigen Vertiefungsblock zum Thema «China» in Geschichte oder Geografie aus. Mit diesem neuen Blick auf die Welt erscheint auch unsere vertraute, westliche in einem anderen Licht und zwischendurch bemerken wir im Kurs einen unhinterfragten, bis zum Teil arroganten Eurozentrismus, mit dem wir oft durchs Leben gehen.
Für uns stellt beispielsweise die Entdeckung der Zentralperspektive eine wichtige Errungenschaft in der Entwicklung der Kunstgeschichte dar. Wir belächeln die naiv wirkenden Darstellungen des Mittelalters oder der primitiven Malerei. Auch in der chinesischen Landschaftsmalerei fehlt eine solche auf den Beobachter zentrierte Perspektive. Die so genannte Circumspektive, die die Maler anwenden, ist aber ein konsistenter Teil einer Weltanschauung, in der Natur (oder Landschaft: 山水 = Berg + Wasser) im Zentrum steht und der Mensch nur ein kleiner, wenig bedeutsamer Teil der Natur ist. Angesichts der ökologischen Probleme könnte dies ein guter Lösungsansatz sein und unsere Überheblichkeit in Bezug auf die Zentralperspektive kritisch hinterfragen.
Das fremde und exotische Fach zieht jährlich rund zehn Jugendliche an, die den Kurs besuchen. Da werden Schriftzeichen gebüffelt, basale Konversation wird trainiert. Dazwischen – verknüpft mit meditativen Vorübungen – kalligraphieren wir mit Tusche und Pinsel und degustieren Grüntee. Eine Rückmeldung aus dem Feedback illustriert die Vielfalt im Unterricht: «Ich fand es sehr interessant, mal in eine andere Kultur einzutauchen. Mir ist aufgefallen, wie eurozentrisch mein/unser Weltbild ist und es hat sehr gutgetan, die Perspektive zu wechseln. Auch wenn mir am Anfang vieles sehr fremd war, konnte ich mich mit der Zeit immer mehr auf die chinesische Welt einlassen. Die Philosophie und die politische Lage heute haben mich persönlich am meisten interessiert.»
Aber die Faszination für die ostasiatische Kultur ist nur ein Motiv des Unterrichts. Einige Lektionen sollen auch irritieren und Abgründe Chinas, insbesondere jene der Gegenwart, aufzeigen. Insofern versteht sich dieser Kurs auch als Aufklärungsfach und thematisiert Maos Gräueltaten während der Kulturrevolution, die Konzentrationslager in Xinjiang oder Xi Jinpings Kontrollwahn mit einem digitalen Überwachungs- und Sozialkreditsystem.
Wir versuchen zu verstehen, wie die toleranten, ökologischen Philosophien des Daoismus und (Zen-)Buddhismus das Kunstverständnis prägten, aber scheinbar widerspruchsfrei neben einem stark hierarchischen, patriarchalen, legalistischen und unerbittlichen Herrschaftssystem des Kaiserreichs einhergehen. Wir wollen nachvollziehen, wie der doch so human wirkende Konfuzianismus das oft brutale politische und gesellschaftliche Machtsystem verharmlost und kaschiert.
Gerade angesichts der gegenwärtigen weltpolitischen und -wirtschaftlichen Herausforderungen ist es sinnvoll, dass wir als Gesellschaft unsere «China-Kompetenzen» fördern, statt uns in einem eurozentrischen Denkkosmos, wie in einer kulturellen Filterblase, gemütlich einzurichten. Die Globalisierung ist 2022 ins Stocken geraten. Es wäre wünschenswert, wenn ein Fach, das konsequent einen ausserwestlichen Standpunkt kritisch vermittelt, in überarbeiteten Lehrplänen vorgesehen wird. Denn Globalisierung funktioniert nicht, wenn sie eine Universalisierung der westlichen Normen und Standards bedeutet. Es bedarf eines echten, interkulturellen Dialogs, wie er bei der Gründung der UNO und der Deklaration der UN-Menschenrechtsdeklaration einigermassen vorhanden war.
Damit ein solcher Dialog gelingt, bedarf es Menschen mit transkulturellen Kompetenzen. Für diese setzt sich der Freifachkurs seit 15 Jahren ein und das Fach wird dies auch in den nächsten Jahren bei uns am Gymnasium Thun machen.
Wir können gespannt sein, wie der gymnasiale Fächerkanon in weiteren 15 Jahren, anno 2037, aussehen wird. Wer weiss, vielleicht gibt es dann ein Ergänzungsfach «China-Welten» im Wahlpflichtangebot an den Bernischen Mittelschulen.
















































