Im Englischunterricht haben wir «The Kite Runner» von Khaled Hosseini gelesen. Um die Themen des Gelesenen zu vertiefen, hat unsere Englischlehrkraft Mortaza Shahed, einen in der Schweiz anerkannten und wohnhaften afghanischen Flüchtling, als Gastreferenten eingeladen.
Text Elena Grundisch und Kateryna Luk’yanchenko
Fotos Janis Baumgartner
Egal, um welches Literaturgenre es sich handelt, Schauplätze und fiktionale Charaktere existieren für uns oft in einer uns fernen Welt. Anders wird es jedoch, wenn die Fiktion in die Realität transformiert wird, wenn die Geschichte dieser uns fremden Orte und Personen von einem atmenden, echten Menschen erzählt wird. Genau diese Transformation erleben wir, als Mortaza Shahed seine persönliche Geschichte mit uns teilt. Er, der der ethnischen Minderheit der Hazara angehört, der sich in Afghanistan gegen die Herrschaft der Taliban auflehnte und deswegen flüchten musste.
Kaum beginnt Mortaza Shahed von seinem Leben in Afghanistan zu berichten, wird das Publikum in eine Welt entführt, welche es bisher bloss aus der Fiktion des zuvor gelesenen Romans gekannt hat. Schon nach wenigen Minuten wird allen Anwesenden bewusst, wie nah die Fiktion der Realität kommt. Mortaza spricht von der akuten Bedrohung, die von den Taliban während ihres Machtregimes der 1990er-Jahre ausging und welche ständige Angst diese bei allen ethnischen Minderheiten des Landes auslösten. Als Hazara gehört Mortaza genau wie Hassan aus «The Kite Runner» zu einer besonders gefährdeten und von den Taliban verfolgten Gruppe. «Hazara, das ist wie Abfall für die anderen», verdeutlicht Mortaza, «wir werden von allen Seiten her unterdrückt.» Besonders ihre asiatische Physiognomie werde Hazaras oft zum Verhängnis, da sie sich nicht verstecken könnten. «Als Hazara hast du keine Heimat». Denn obwohl Mortaza Shahed im Iran im Exil geboren wurde, fühlte er sich dort nie zugehörig. Doch auch Afghanistan fühlte sich nie wie eine wirkliche Heimat an, da er stetiger Gefahr ausgesetzt war.
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Als Filmemacher hatte Mortaza die heikle Aufgabe, für die Taliban Propagandafilme zu drehen. Doch als das Interview, welches Mortaza mit einem wichtigen Taliban-Führer führte, offiziell unterbrochen wurde, er die Kamera jedoch weiterlaufen liess, offenbarte der Interviewte seine wahren rassistischen Ansichten und mörderischen Absichten. Das brachte Mortaza in die schwierige Lage, eine mutige, aber folgenschwere Entscheidung zur Verwendung des illegal aufgenommenen Materials zu treffen. So musste er noch am selben Tag, an dem die Aufnahmen veröffentlicht wurden, mit seiner Familie das Land in Richtung Sri Lanka verlassen, um dann später in der Schweiz Zuflucht zu suchen. Seither lebt er mit seiner Frau Mariam und der gemeinsamen Tochter in Bern.
Dies war ein Umzug «vom gefährlichsten Ort der Welt zum sichersten Ort der Welt», wie er es ausdrückt. Mehrere Jahre nach seiner Ankunft ist Mortaza noch genauso dankbar für dieses Sicherheitsgefühl, welches er von seinem Heimatsland her nicht kannte. «In Afghanistan könnte jedes ‘Auf Wiedersehen’ das letzte sein. Die Furcht, auf offener Strasse angegriffen zu werden oder auf dem Weg zur Schule in eine Explosion zu geraten, war im Afghanistan der 90er-Jahre allgegenwärtig.» Und obwohl ihn die Angst um die aktuelle Lage in Afghanistan und die erneute Machtübernahme der Taliban tagtäglich begleitet, ist Mortaza seinem Wunsch nach Frieden und Heimat in der Schweiz um einiges näher gekommen.
Für uns ist innerhalb von zwei Stunden eine fiktive Geschichte zu einer brandaktuellen, faktischen Realität geworden. Mortaza hat uns auf eine persönliche Reise mitgenommen, welche das langjährige Leid der afghanischen Bevölkerung widerspiegelt.
















































