Editorial

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Medizin in der Antike: Ärztekunst oder Gottvertrauen?


Medizin in der Antike: Ärztekunst oder Gottvertrauen?


Im Freifach Griechisch steht bei jedem Jahrgang das Thema der antiken Medizin mit ihren Errungenschaften und ihrer Vorbildfunktion bis in die Neuzeit auf dem Programm.

 

Text Anita Schwab

Beitragsbild wikipedia «Asklepios»

 

Im letzten Schuljahr war das Thema Medizin wegen der Pandemie umso präsenter und die Lektionen über die antike Heilkunde als Hintergrund über das Wissen in der modernen Medizin wurden mehr denn je zu einem Thema mit aussagekräftigen Vergleichsmomenten. 

 

Angefangen haben wir mit Homer, gilt uns doch der Ependichter aus dem achten Jahrhundert vor unserer Zeit in so manchen Bereichen als Informationsquelle. In seinem Werk «Ilias» wurden Textstellen mit medizinischer Erwähnung sowie Sekundärquellen dazu behandelt. Des Weiteren hatten die Schüler:innen die Aufgabe, sich in zwei Gruppen einerseits über den Ärztegott Asklepios und dessen Verbindung zur antiken Heilpraktik und anderseits über die Anfänge der wissenschaftlichen Schulmedizin im sechsten Jahrhundert durch Hippokrates zu informieren. Der Eid des Hippokrates wurde im Original behandelt und nach antiken und modernen Gesichtspunkten verglichen. Als Parallele wurde das Genfer Ärztegelöbnis von 1948 hinzugezogen. 


Mehr lesen…

 

 

Krankheiten im frühen Griechentum 

 

Schon in der Frühzeit der griechischen Kultur wird Homer als Quelle herangezogen. Der römische Medizinschriftsteller Celsus aus dem ersten Jahrhundert beschrieb in seinem Werk De medicina die Medizin zu Homers Zeit zwischen Magie und Religion und einfacher Wundversorgung: 
Immerhin hat Homer nichts davon erzählt, dass sie bei der Pest oder bei den verschiedenen Arten von Krankheiten irgendeine Hilfe geleistet hätten, sondern sie seien es gewohnt gewesen, Wunden mit dem Eisen und mit Medikamenten zu heilen. Daraus zeigt sich, dass sie nur diese Gebiete der Medizin angewandt haben, und dass diese also die ältesten sind. Von demselben Autor wird gesagt, dass die Krankheiten auf den Zorn der unsterblichen Götter zurückgeführt werden können, und von ihnen erlösende Hilfe gefordert werden kann. (Celsus, Prooimion, 5-20) 

 

Die homerischen Ärzte haben die vulnera behandelt. Die Wunden sind konkrete, rational erfassbare Verletzungen. Diesen chirurgisch bzw. medikamentös heilbaren Wunden stehen die unsichtbaren, ohne erkennbare natürliche Ursache auftretenden Krankheiten vom Zorn der Götter ausgelöst gegenüber. 

 

Diese konnten dementsprechend nur von den Göttern geheilt werden. Jede Krankheit hatte ihren tieferen Grund: Die Götter straften den Frevelhaften, der ihnen nicht diente oder durch eine sündhafte Handlung die Missachtung göttlicher Befehle bewies, mit Krankheit. Der Kranke trug selbst die Schuld an seiner Krankheit und musste zur Heilung die Götter durch Gebete und Sühneopfer versöhnen.  

 

 

Asklepios: Die Behandlung im Tempel 

 

Asklepios, Sohn Apollons, Enkel des Zeus, erlernte vom Kentauren Cheiron die Kräfte der Kräuter und die Kunst des Heilens. Soweit die griechische Sage. Die antiken Quellen wissen viel Gutes über den göttlichen, schmerzstillenden Helfer bei jeder Art von Krankheit zu berichten.  

 

Der Ruf des Heilgottes verbreitete sich rasch unter dem antiken Volk und zur Zeit der grossen Pest wurde ihm im fünften Jahrhundert vor unserer Zeit in ganz Griechenland Heiligtümer als «Filialen» zum Tempel des Asklepios in Epidauros (heutige Türkei) errichtet. Die Tempelanlagen des Asklepios waren Wallfahrtsorte für Kranke. In Scharen kamen die Bittflehenden zu seinem Heiligtum. Kaiser und Bettler trafen sich an seinem Standbild, dem Ziel aller Hoffnungen, wenn Schmerzen, Verzweiflung und Todesangst die Menschen umgaben.  

 

Doch wie hat man sich diese Heilpraktik vorzustellen? Der Kranke legte sich zum Heilschlaf im Tempel nieder. Mit Fackellicht und unter Einwirkung von betäubenden Kräutern erschien Asklepios dem Kranken im Traum in göttlicher Epiphanie. Die Priesterärzte des Heiligtums «interpretierten» die göttlichen Traumerscheinungen, behandelten den Kranken und leiteten daraus eine Therapie ab. Und siehe da: Wunden schlossen sich, der Blinde sah, der Taube hörte und der Lahme ging. 

 

Die heiligen Schlangen von Epidauros wurden in grosser Zahl in den Asklepieien gehalten und ernährt. Wenn man beabsichtigte, einen Asklepios-Tempel zu gründen, liess man sich eine Schlange aus Epidauros schicken. So wie am Beispiel von Rom: Als dort 293 v. Chr. die Pest wütete und die einheimischen Götter nicht halfen, befragte man das delphische Orakel. Auf die Frage nach der Rettung vor der Seuche erhielten die Römer von Apollon folgende Antwort: Holt in Epidauros die heilende Schlange. So geschah es und kurz vor Rom glitt die Schlange auf der Höhe der Tiberinsel ins Wasser und liess sich auf ihr nieder. So gab sie den Willen des Gottes bekannt, künftig hier zu wohnen. Die Seuche erlosch und dem römischen Heilgott Äskulap wurde auf der Tiberinsel ein Heiligtum errichtet. Zur Erinnerung an die glückhafte Fahrt wurde der Insel die Gestalt eines Schiffes gegeben und noch heute beherbergt die Tiberinsel ein Spital. 

 

 

Hippokrates: Der Beginn des wissenschaftlich-medizinischen Denkens

 

Die antike Schulmedizin tritt als scharfer Gegensatz zum magisch-religiösen Heilkult des Gottes Asklepios auf. Ab dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeit begann sich parallel zur ärztlichen Praxis des Gottes Asklepios eine neue Richtung der Medizin abzuzeichnen: Der Schleier des Mythos zerreisst, und wir stehen auf dem Boden der Wissenschaft. Die Asklepiaden begannen ihren Einfluss in den Tempelheilungen geltend zu machen. Dies ist ein Ärztegeschlecht, das Asklepios als ihren Ahnherrn verehrte. Besonders ein Arzt galt als ihr Vorsteher: Der Vater der Medizin, der griechische Arzt Hippokrates von Kos. Mit seiner systematischen Diagnose und deren therapeutischen Umsetzung brach er mit der Tradition. Die bis dahin eher magisch-religiösen Vorstellungen wurden allmählich durch Wissen über den menschlichen Organismus abgelöst, was als Wandel «vom Mythos zum Logos» verstanden wird.

 

In der antiken wissenschaftlichen Medizin wurden drei Teile der Medizin unterschieden, die alle miteinander verbunden sind: Diätetik, Pharmazeutik und Chirurgie. Die Aufgabe des antiken Arztes war es, als erstes die natürliche Heilkraft zu steigern. Ein Arzt sollte in Bezug auf die Therapie zurückhaltend sein und so weit wie möglich auf die Heilkraft der Natur vertrauen:

 

μέλλων τ’ ἰατρὸς τῇ νόσῳ διδοῦς χρόνον ἰάσατ’ ἤδη μᾶλλον ἢ τεμὼν χρόα. (Eurip. Fr. in Stobaeus, Anthologia IV, Kap. 38, Nr. 2.)

 

Wer ärztlich tätig wird, hat, wenn er der Krankheit Zeit gibt, schon besser geheilt, als wenn er den Körper aufschneidet. 

 

Die Diätetik war ein Teil der Medizin: Diätetisch Heilen bedeutete, sich Zeit zur Regeneration zu lassen und der Natur die Möglichkeit zur Selbstheilung zu geben. Gesund und bewusst zu leben, war die Devise. Skalpell und Medikamente kamen erst zum Einsatz, wenn die Natur nicht mehr weiterwusste. 

 

Hippokrates lehnte die magisch-religiöse Medizin ab, indem er eine Klassifizierung der Krankheiten aufstellte, die auf der Grundlage der Natur und der Lehre der vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft beruht. Krankheiten wurden nicht mehr auf göttliche Bestimmung, sondern auf naturwissenschaftliche Erklärungen zurückgeführt. Für Hippokrates bedeutete Gesundheit Harmonie zwischen Geist und Körper, die auf einem Gleichgewicht der Körpersäfte (Eukrasie) beruht. Eine Störung dieses Gleichgewichtes im Menschen führt zu Krankheit und Schmerzen (Diskrasie). Eine Krankheit war nichts anderes als ein Ungleichgewicht im Körper.  

 

Zur Wiederherstellung der Harmonie wurde eine entsprechende Arznei mit entgegengesetzter Wirkung verschrieben. So wird zum Beispiel bei Schnupfen, einer kalten und feuchten Krankheit, bei der das Gehirn zu viel Schleim erzeugt, ein wärmendes und trockenes Heilmittel verschrieben. Dadurch wird die Gallenproduktion angeregt und der Organismus findet wieder sein Gleichgewicht. 

 

Die hippokratischen Schriften spiegeln das hohe ärztliche Ethos wider, das im hippokratischen Eid zusammengefasst wurde: 

 

Ὄμνυμι Ἀπόλλωνα ἰητρὸν, καὶ Ἀσκληπιὸν, καὶ Ὑγείαν, καὶ Πανάκειαν, καὶ θεοὺς πάντας τε καὶ πάσας, ἵστορας ποιεύμενος, ἐπιτελέα ποιήσειν κατὰ δύναμιν καὶ κρίσιν ἐμὴν ὅρκον τόνδε καὶ ξυγγραφὴν τήνδε. 

 

Ich schwöre und rufe Apollon, den Arzt, und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an, dass ich diesen Eid und diesen Vertrag nach meiner Fähigkeit und nach meiner Einsicht erfüllen werde. 

 

Und weiter:  

 

Διαιτήμασί τε χρήσομαι ἐπ‘ ὠφελείῃ καμνόντων κατὰ δύναμιν καὶ κρίσιν ἐμὴν, ἐπὶ δηλήσει δὲ καὶ ἀδικίῃ εἴρξειν. 

 

Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden. 

 

1948 entstand das Genfer Ärztegelöbnis, eine vom Weltärztebund beschlossene Neufassung der ärztlichen Berufspflichten in Anlehnung an den Hippokratischen Eid und vom Deutschen Ärztetag modifiziert. Viele Bestandteile blieben erhalten, so zum Beispiel der Schwur zum Dienst an der Menschheit: «Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.  Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit meiner Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein.» 

 

Bei Hippokrates wird das Gelöbnis der Sittenhaftigkeit erwähnt: 

Ἐς οἰκίας δὲ ὁκόσας ἂν ἐσίω, ἐσελεύσομαι ἐπ‘ ὠφελείῃ καμνόντων, ἐκτὸς ἐὼν πάσης ἀδικίης ἑκουσίης καὶ φθορίης, τῆς τε ἄλλης καὶ ἀφροδισίων ἔργων ἐπί τε γυναικείων σωμάτων καὶ ἀνδρῴων, ἐλευθέρων τε καὶ δούλων. 

  

In alle Häuser, in die ich komme, werde ich zum Nutzen der Kranken hineingehen, frei von jedem bewussten Unrecht und jeder Übeltat, besonders von jedem geschlechtlichen Missbrauch an Frauen und Männern, Freien und Sklaven. 

 

Dafür steht im modifizierten Arzteid von 1948 die Gleichstellung an betonter Stelle: 

«… bei der Ausübung meiner ärztlichen Pflichten keinen Unterschied machen weder nach Religion, Nationalität, Rasse noch nach Parteizugehörigkeit oder sozialer Stellung.» 

 

Dabei erntete die Erwähnung der Gleichbehandlung in Bezug auf die Parteizugehörigkeit bei den Schüler:innen stets ein Schmunzeln! 

 

 

Ärztekunst oder Gottvertrauen? 

 

Neben der Heilung durch Gottes Hilfe trat schon früh die Anwendung von Heilkräutern und diätetischen Massnahmen hinzu, so dass sich die hippokratische Medizin mit der Medizin in den Asklepieien vereinte. Die rein magisch-religiöse der Anfangszeiten hatte nun auch hier Beistand durch die wissenschaftliche Schulmedizin gefunden. Beide Richtungen der Medizin, die magisch-religiöse und die Wissenschaftsmedizin, wurden in der Antike angewandt, indem die Menschen in den Asklepieien diätetische Ratschläge erhielten, mit Kräutern behandelt und sogar chirurgisch versorgt wurden. Man muss sich vor Augen halten, dass die wissenschaftliche Medizin, und somit die ärztliche Versorgung, keinesfalls eine Nachfolgerin der religiösen Tempelmedizin war, sondern dass vielmehr beide Heilmethoden im Altertum parallel angewandt wurden. Somit war der Asklepios-Kult nicht ein Vorläufer der hippokratischen Heilkunde, sondern es bestand ein Nebeneinander. Es war eine Verbindung von Religion, Magie, Wissen und Wissenschaft.  

 

Auch heute werden uns wissenschaftliche Medizin und alternative Heilmethoden auf dem Serviertablett angeboten. Als Konkurrenz? Vielleicht, vielleicht auch nicht: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Medikamente werden vermischt mit der positiven Einstellung und dem Glauben an Heilung: Hippokrates und Asklepios gehen Hand in Hand mit einem gemeinsamen Ziel: Ὑγίεια (Hygíeia) – als personifizierte «Gesundheit». 

 

 

 

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Medizin in der Antike: Ärztekunst oder Gottvertrauen?


Im Freifach Griechisch steht bei jedem Jahrgang das Thema der antiken Medizin mit ihren Errungenschaften und ihrer Vorbildfunktion bis in die Neuzeit auf dem Programm.

 

Text Anita Schwab

Beitragsbild wikipedia «Asklepios»

 

Im letzten Schuljahr war das Thema Medizin wegen der Pandemie umso präsenter und die Lektionen über die antike Heilkunde als Hintergrund über das Wissen in der modernen Medizin wurden mehr denn je zu einem Thema mit aussagekräftigen Vergleichsmomenten. 

 

Angefangen haben wir mit Homer, gilt uns doch der Ependichter aus dem achten Jahrhundert vor unserer Zeit in so manchen Bereichen als Informationsquelle. In seinem Werk «Ilias» wurden Textstellen mit medizinischer Erwähnung sowie Sekundärquellen dazu behandelt. Des Weiteren hatten die Schüler:innen die Aufgabe, sich in zwei Gruppen einerseits über den Ärztegott Asklepios und dessen Verbindung zur antiken Heilpraktik und anderseits über die Anfänge der wissenschaftlichen Schulmedizin im sechsten Jahrhundert durch Hippokrates zu informieren. Der Eid des Hippokrates wurde im Original behandelt und nach antiken und modernen Gesichtspunkten verglichen. Als Parallele wurde das Genfer Ärztegelöbnis von 1948 hinzugezogen. 


Mehr lesen…

 

 

Krankheiten im frühen Griechentum 

 

Schon in der Frühzeit der griechischen Kultur wird Homer als Quelle herangezogen. Der römische Medizinschriftsteller Celsus aus dem ersten Jahrhundert beschrieb in seinem Werk De medicina die Medizin zu Homers Zeit zwischen Magie und Religion und einfacher Wundversorgung: 
Immerhin hat Homer nichts davon erzählt, dass sie bei der Pest oder bei den verschiedenen Arten von Krankheiten irgendeine Hilfe geleistet hätten, sondern sie seien es gewohnt gewesen, Wunden mit dem Eisen und mit Medikamenten zu heilen. Daraus zeigt sich, dass sie nur diese Gebiete der Medizin angewandt haben, und dass diese also die ältesten sind. Von demselben Autor wird gesagt, dass die Krankheiten auf den Zorn der unsterblichen Götter zurückgeführt werden können, und von ihnen erlösende Hilfe gefordert werden kann. (Celsus, Prooimion, 5-20) 

 

Die homerischen Ärzte haben die vulnera behandelt. Die Wunden sind konkrete, rational erfassbare Verletzungen. Diesen chirurgisch bzw. medikamentös heilbaren Wunden stehen die unsichtbaren, ohne erkennbare natürliche Ursache auftretenden Krankheiten vom Zorn der Götter ausgelöst gegenüber. 

 

Diese konnten dementsprechend nur von den Göttern geheilt werden. Jede Krankheit hatte ihren tieferen Grund: Die Götter straften den Frevelhaften, der ihnen nicht diente oder durch eine sündhafte Handlung die Missachtung göttlicher Befehle bewies, mit Krankheit. Der Kranke trug selbst die Schuld an seiner Krankheit und musste zur Heilung die Götter durch Gebete und Sühneopfer versöhnen.  

 

 

Asklepios: Die Behandlung im Tempel 

 

Asklepios, Sohn Apollons, Enkel des Zeus, erlernte vom Kentauren Cheiron die Kräfte der Kräuter und die Kunst des Heilens. Soweit die griechische Sage. Die antiken Quellen wissen viel Gutes über den göttlichen, schmerzstillenden Helfer bei jeder Art von Krankheit zu berichten.  

 

Der Ruf des Heilgottes verbreitete sich rasch unter dem antiken Volk und zur Zeit der grossen Pest wurde ihm im fünften Jahrhundert vor unserer Zeit in ganz Griechenland Heiligtümer als «Filialen» zum Tempel des Asklepios in Epidauros (heutige Türkei) errichtet. Die Tempelanlagen des Asklepios waren Wallfahrtsorte für Kranke. In Scharen kamen die Bittflehenden zu seinem Heiligtum. Kaiser und Bettler trafen sich an seinem Standbild, dem Ziel aller Hoffnungen, wenn Schmerzen, Verzweiflung und Todesangst die Menschen umgaben.  

 

Doch wie hat man sich diese Heilpraktik vorzustellen? Der Kranke legte sich zum Heilschlaf im Tempel nieder. Mit Fackellicht und unter Einwirkung von betäubenden Kräutern erschien Asklepios dem Kranken im Traum in göttlicher Epiphanie. Die Priesterärzte des Heiligtums «interpretierten» die göttlichen Traumerscheinungen, behandelten den Kranken und leiteten daraus eine Therapie ab. Und siehe da: Wunden schlossen sich, der Blinde sah, der Taube hörte und der Lahme ging. 

 

Die heiligen Schlangen von Epidauros wurden in grosser Zahl in den Asklepieien gehalten und ernährt. Wenn man beabsichtigte, einen Asklepios-Tempel zu gründen, liess man sich eine Schlange aus Epidauros schicken. So wie am Beispiel von Rom: Als dort 293 v. Chr. die Pest wütete und die einheimischen Götter nicht halfen, befragte man das delphische Orakel. Auf die Frage nach der Rettung vor der Seuche erhielten die Römer von Apollon folgende Antwort: Holt in Epidauros die heilende Schlange. So geschah es und kurz vor Rom glitt die Schlange auf der Höhe der Tiberinsel ins Wasser und liess sich auf ihr nieder. So gab sie den Willen des Gottes bekannt, künftig hier zu wohnen. Die Seuche erlosch und dem römischen Heilgott Äskulap wurde auf der Tiberinsel ein Heiligtum errichtet. Zur Erinnerung an die glückhafte Fahrt wurde der Insel die Gestalt eines Schiffes gegeben und noch heute beherbergt die Tiberinsel ein Spital. 

 

 

Hippokrates: Der Beginn des wissenschaftlich-medizinischen Denkens

 

Die antike Schulmedizin tritt als scharfer Gegensatz zum magisch-religiösen Heilkult des Gottes Asklepios auf. Ab dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeit begann sich parallel zur ärztlichen Praxis des Gottes Asklepios eine neue Richtung der Medizin abzuzeichnen: Der Schleier des Mythos zerreisst, und wir stehen auf dem Boden der Wissenschaft. Die Asklepiaden begannen ihren Einfluss in den Tempelheilungen geltend zu machen. Dies ist ein Ärztegeschlecht, das Asklepios als ihren Ahnherrn verehrte. Besonders ein Arzt galt als ihr Vorsteher: Der Vater der Medizin, der griechische Arzt Hippokrates von Kos. Mit seiner systematischen Diagnose und deren therapeutischen Umsetzung brach er mit der Tradition. Die bis dahin eher magisch-religiösen Vorstellungen wurden allmählich durch Wissen über den menschlichen Organismus abgelöst, was als Wandel «vom Mythos zum Logos» verstanden wird.

 

In der antiken wissenschaftlichen Medizin wurden drei Teile der Medizin unterschieden, die alle miteinander verbunden sind: Diätetik, Pharmazeutik und Chirurgie. Die Aufgabe des antiken Arztes war es, als erstes die natürliche Heilkraft zu steigern. Ein Arzt sollte in Bezug auf die Therapie zurückhaltend sein und so weit wie möglich auf die Heilkraft der Natur vertrauen:

 

μέλλων τ’ ἰατρὸς τῇ νόσῳ διδοῦς χρόνον ἰάσατ’ ἤδη μᾶλλον ἢ τεμὼν χρόα. (Eurip. Fr. in Stobaeus, Anthologia IV, Kap. 38, Nr. 2.)

 

Wer ärztlich tätig wird, hat, wenn er der Krankheit Zeit gibt, schon besser geheilt, als wenn er den Körper aufschneidet. 

 

Die Diätetik war ein Teil der Medizin: Diätetisch Heilen bedeutete, sich Zeit zur Regeneration zu lassen und der Natur die Möglichkeit zur Selbstheilung zu geben. Gesund und bewusst zu leben, war die Devise. Skalpell und Medikamente kamen erst zum Einsatz, wenn die Natur nicht mehr weiterwusste. 

 

Hippokrates lehnte die magisch-religiöse Medizin ab, indem er eine Klassifizierung der Krankheiten aufstellte, die auf der Grundlage der Natur und der Lehre der vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft beruht. Krankheiten wurden nicht mehr auf göttliche Bestimmung, sondern auf naturwissenschaftliche Erklärungen zurückgeführt. Für Hippokrates bedeutete Gesundheit Harmonie zwischen Geist und Körper, die auf einem Gleichgewicht der Körpersäfte (Eukrasie) beruht. Eine Störung dieses Gleichgewichtes im Menschen führt zu Krankheit und Schmerzen (Diskrasie). Eine Krankheit war nichts anderes als ein Ungleichgewicht im Körper.  

 

Zur Wiederherstellung der Harmonie wurde eine entsprechende Arznei mit entgegengesetzter Wirkung verschrieben. So wird zum Beispiel bei Schnupfen, einer kalten und feuchten Krankheit, bei der das Gehirn zu viel Schleim erzeugt, ein wärmendes und trockenes Heilmittel verschrieben. Dadurch wird die Gallenproduktion angeregt und der Organismus findet wieder sein Gleichgewicht. 

 

Die hippokratischen Schriften spiegeln das hohe ärztliche Ethos wider, das im hippokratischen Eid zusammengefasst wurde: 

 

Ὄμνυμι Ἀπόλλωνα ἰητρὸν, καὶ Ἀσκληπιὸν, καὶ Ὑγείαν, καὶ Πανάκειαν, καὶ θεοὺς πάντας τε καὶ πάσας, ἵστορας ποιεύμενος, ἐπιτελέα ποιήσειν κατὰ δύναμιν καὶ κρίσιν ἐμὴν ὅρκον τόνδε καὶ ξυγγραφὴν τήνδε. 

 

Ich schwöre und rufe Apollon, den Arzt, und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an, dass ich diesen Eid und diesen Vertrag nach meiner Fähigkeit und nach meiner Einsicht erfüllen werde. 

 

Und weiter:  

 

Διαιτήμασί τε χρήσομαι ἐπ‘ ὠφελείῃ καμνόντων κατὰ δύναμιν καὶ κρίσιν ἐμὴν, ἐπὶ δηλήσει δὲ καὶ ἀδικίῃ εἴρξειν. 

 

Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden. 

 

1948 entstand das Genfer Ärztegelöbnis, eine vom Weltärztebund beschlossene Neufassung der ärztlichen Berufspflichten in Anlehnung an den Hippokratischen Eid und vom Deutschen Ärztetag modifiziert. Viele Bestandteile blieben erhalten, so zum Beispiel der Schwur zum Dienst an der Menschheit: «Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.  Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit meiner Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein.» 

 

Bei Hippokrates wird das Gelöbnis der Sittenhaftigkeit erwähnt: 

Ἐς οἰκίας δὲ ὁκόσας ἂν ἐσίω, ἐσελεύσομαι ἐπ‘ ὠφελείῃ καμνόντων, ἐκτὸς ἐὼν πάσης ἀδικίης ἑκουσίης καὶ φθορίης, τῆς τε ἄλλης καὶ ἀφροδισίων ἔργων ἐπί τε γυναικείων σωμάτων καὶ ἀνδρῴων, ἐλευθέρων τε καὶ δούλων. 

  

In alle Häuser, in die ich komme, werde ich zum Nutzen der Kranken hineingehen, frei von jedem bewussten Unrecht und jeder Übeltat, besonders von jedem geschlechtlichen Missbrauch an Frauen und Männern, Freien und Sklaven. 

 

Dafür steht im modifizierten Arzteid von 1948 die Gleichstellung an betonter Stelle: 

«… bei der Ausübung meiner ärztlichen Pflichten keinen Unterschied machen weder nach Religion, Nationalität, Rasse noch nach Parteizugehörigkeit oder sozialer Stellung.» 

 

Dabei erntete die Erwähnung der Gleichbehandlung in Bezug auf die Parteizugehörigkeit bei den Schüler:innen stets ein Schmunzeln! 

 

 

Ärztekunst oder Gottvertrauen? 

 

Neben der Heilung durch Gottes Hilfe trat schon früh die Anwendung von Heilkräutern und diätetischen Massnahmen hinzu, so dass sich die hippokratische Medizin mit der Medizin in den Asklepieien vereinte. Die rein magisch-religiöse der Anfangszeiten hatte nun auch hier Beistand durch die wissenschaftliche Schulmedizin gefunden. Beide Richtungen der Medizin, die magisch-religiöse und die Wissenschaftsmedizin, wurden in der Antike angewandt, indem die Menschen in den Asklepieien diätetische Ratschläge erhielten, mit Kräutern behandelt und sogar chirurgisch versorgt wurden. Man muss sich vor Augen halten, dass die wissenschaftliche Medizin, und somit die ärztliche Versorgung, keinesfalls eine Nachfolgerin der religiösen Tempelmedizin war, sondern dass vielmehr beide Heilmethoden im Altertum parallel angewandt wurden. Somit war der Asklepios-Kult nicht ein Vorläufer der hippokratischen Heilkunde, sondern es bestand ein Nebeneinander. Es war eine Verbindung von Religion, Magie, Wissen und Wissenschaft.  

 

Auch heute werden uns wissenschaftliche Medizin und alternative Heilmethoden auf dem Serviertablett angeboten. Als Konkurrenz? Vielleicht, vielleicht auch nicht: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Medikamente werden vermischt mit der positiven Einstellung und dem Glauben an Heilung: Hippokrates und Asklepios gehen Hand in Hand mit einem gemeinsamen Ziel: Ὑγίεια (Hygíeia) – als personifizierte «Gesundheit». 

 

 

 

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