Editorial

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Zu früh zum Sterben?


Zu früh zum Sterben?


Text Tobias Zürcher

Foto Chip Somodevilla/Getty Images

 

Ist es moralisch richtig, ein ungeborenes menschliches Lebewesen zu töten? Diese fragte diskutieren die Schüler:innen des Schwerpunktfachs PPP der Klassen 24gDERS am 2. Juni 2022 mit dem Publikum. 

 

«Zu früh zum Sterben?» steht die Frage, weiss auf schwarz, auf dem Plakat zum 97. Café Philosophique. Dazu ein bekanntes Bild: Ein Embryo, ein Fötus vielleicht schon, mit dem Ultraschall aufgenommen. Doch in dieser Gestaltung könnte es sich auch um eine Art Todesanzeige handeln. 

 

Rechtlich lässt sich die Frage beantworten: Ja, der Schwangerschaftsabbruch ist zulässig, ohne besondere Gründe bis in die zwölfte Schwangerschaftswoche («Fristenlösung») und danach nur noch, wenn die Gesundheit der Mutter durch Schwangerschaft oder Geburt gefährdet ist. Doch die rechtliche Antwort muss nicht die moralisch richtige sein. Das zeigt sich mitunter im Streit darüber, ob das Recht geändert werden sollte, wie jüngst in den USA. Dort hat das oberste Bundesgericht das landesweite Recht auf Abtreibung aufgehoben und es ist seither an den Teilstaaten, eigene Gesetze anzuwenden.  


Mehr lesen…

 

Sollte auch bei uns die rechtliche Regelung geändert werden? Sind unsere Gesetze zu streng und schränken die persönliche Freiheit der Frauen zu sehr ein? Immerhin bestimmt hier der Staat mit darüber, was mit dem Körper eines Menschen geschehen soll – und dies, obwohl grundsätzlich niemandem eine medizinische Behandlung vorenthalten oder aufgezwungen werden sollte. 

 

Allerdings ist der Schwangerschaftsabbruch keine gewöhnliche medizinische Behandlung. Wie steht es um den moralischen Wert des Ungeborenen? Die Meinungen der Diskutierenden sind geteilt. Zwar ist aus biologischer Sicht recht klar, welche Eigenschaften sich im Laufe der Schwangerschaft beim Embryo oder Fötus ausbilden. Jedoch ist weit weniger klar, ob und welche dieser Eigenschaften moralisch ins Gewicht fallen. 

 

Geht es vielleicht gar nicht um diese Eigenschaften, sondern vielmehr um die Zukunft? Hat nicht jeder Embryo die Chance, zu einem geborenen Menschen zu werden, der während durchschnittlich 80 Jahren ein gutes Leben führt? Das «Argument des Potentials» ist interessant, doch vielleicht führt es weiter als uns lieb ist, denn es würde heissen, dass es moralisch geboten wäre, (möglichst viele) Kinder zu kriegen. Und was ist eigentlich mit den Embryonen, deren Zukunft grosses Leiden bedeutet? 

 

Selbst dann, wenn ein ungeborener Mensch ein Recht auf Leben haben sollte, ist unklar, wie viel ein anderer Mensch – die Mutter – dafür tun muss, um dieses Recht zu schützen. Oder sollten wir alle einfach so neun Monate (oder 20 Jahre?) unseres Lebens dafür geben müssen, für einen anderen Menschen da zu sein? 

 

Das Moderationsteam, das souverän durch diesen Abend führte, zeigt am Ende ein Bild von Schildern, wie sie an einer Demonstration mitgeführt werden. Doch diese sind leer. Was würden Sie auf Ihr Schild schreiben? 

 

 

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Zu früh zum Sterben?


Text Tobias Zürcher

Foto Chip Somodevilla/Getty Images

 

Ist es moralisch richtig, ein ungeborenes menschliches Lebewesen zu töten? Diese fragte diskutieren die Schüler:innen des Schwerpunktfachs PPP der Klassen 24gDERS am 2. Juni 2022 mit dem Publikum. 

 

«Zu früh zum Sterben?» steht die Frage, weiss auf schwarz, auf dem Plakat zum 97. Café Philosophique. Dazu ein bekanntes Bild: Ein Embryo, ein Fötus vielleicht schon, mit dem Ultraschall aufgenommen. Doch in dieser Gestaltung könnte es sich auch um eine Art Todesanzeige handeln. 

 

Rechtlich lässt sich die Frage beantworten: Ja, der Schwangerschaftsabbruch ist zulässig, ohne besondere Gründe bis in die zwölfte Schwangerschaftswoche («Fristenlösung») und danach nur noch, wenn die Gesundheit der Mutter durch Schwangerschaft oder Geburt gefährdet ist. Doch die rechtliche Antwort muss nicht die moralisch richtige sein. Das zeigt sich mitunter im Streit darüber, ob das Recht geändert werden sollte, wie jüngst in den USA. Dort hat das oberste Bundesgericht das landesweite Recht auf Abtreibung aufgehoben und es ist seither an den Teilstaaten, eigene Gesetze anzuwenden.  


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Sollte auch bei uns die rechtliche Regelung geändert werden? Sind unsere Gesetze zu streng und schränken die persönliche Freiheit der Frauen zu sehr ein? Immerhin bestimmt hier der Staat mit darüber, was mit dem Körper eines Menschen geschehen soll – und dies, obwohl grundsätzlich niemandem eine medizinische Behandlung vorenthalten oder aufgezwungen werden sollte. 

 

Allerdings ist der Schwangerschaftsabbruch keine gewöhnliche medizinische Behandlung. Wie steht es um den moralischen Wert des Ungeborenen? Die Meinungen der Diskutierenden sind geteilt. Zwar ist aus biologischer Sicht recht klar, welche Eigenschaften sich im Laufe der Schwangerschaft beim Embryo oder Fötus ausbilden. Jedoch ist weit weniger klar, ob und welche dieser Eigenschaften moralisch ins Gewicht fallen. 

 

Geht es vielleicht gar nicht um diese Eigenschaften, sondern vielmehr um die Zukunft? Hat nicht jeder Embryo die Chance, zu einem geborenen Menschen zu werden, der während durchschnittlich 80 Jahren ein gutes Leben führt? Das «Argument des Potentials» ist interessant, doch vielleicht führt es weiter als uns lieb ist, denn es würde heissen, dass es moralisch geboten wäre, (möglichst viele) Kinder zu kriegen. Und was ist eigentlich mit den Embryonen, deren Zukunft grosses Leiden bedeutet? 

 

Selbst dann, wenn ein ungeborener Mensch ein Recht auf Leben haben sollte, ist unklar, wie viel ein anderer Mensch – die Mutter – dafür tun muss, um dieses Recht zu schützen. Oder sollten wir alle einfach so neun Monate (oder 20 Jahre?) unseres Lebens dafür geben müssen, für einen anderen Menschen da zu sein? 

 

Das Moderationsteam, das souverän durch diesen Abend führte, zeigt am Ende ein Bild von Schildern, wie sie an einer Demonstration mitgeführt werden. Doch diese sind leer. Was würden Sie auf Ihr Schild schreiben? 

 

 

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